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„Was ist der ’säkulare Islam‘ – und wenn ja, wie viele?“: Rückblick auf einen anregenden Diskussionsabend

Vor rund 250 Bremer*innen habe ich am Montagabend mit Cem Özdemir (MdB), Yasemin Karakasoglu (Uni Bremen) und Mustafa Yavuz (Schura Bremen) über islamisches Leben in Deutschland diskutieren dürfen, insbesondere über die Rolle der Dachverbände. Es war eine kontroverse und zugleich sehr produktive Auseinandersetzung, für die ich mich nur herzlich bedanken kann!

In meinen Augen ist eine wesentliche Erkenntnis, dass mit allen islamischen Verbänden gesprochen werden muss und zwar auf Augenhöhe. Letzteres bedeutet vor allem, dass bei Problemen Klartext geredet werden muss. Dabei darf sich keiner sich in einem Opferstatus verkriechen.

Der Umgang mit den Islamverbänden in Deutschland ist schwieriger geworden, weil wir eine Politisierung des Islams durch bestimmte Interessengruppen beobachten können. Das betrifft insbesondere die Verbindung mancher Dachverbände zu den Regierungen anderer Länder: Die autoritäre Entwicklung der Türkei unter Erdogan ist hier zu nennen, aber auch die schreckliche Situation in Saudi-Arabien. Diese Regime nehmen Einfluss auf islamische Gemeinden in Deutschland – das können wir nicht einfach hinnehmen. Die Bedeutung der Imam-Ausbildung wurde von politischer Seite viel zu lang unterschätzt. Da gab es in den vergangenen Jahren durch die Gründung von Instituten für islamische Theologie Fortschritte, aber es bleibt noch ein weiter Weg, bis die islamischen Gemeinden hierzulande auch theologisch auf eigenen Füßen stehen.

Wir müssen offene Debatten über alle schwierigen und kontroversen Debatten in einer multikulturellen Gesellschaft führen! Nur dann können wir friedlich zusammen leben. Kein heiliges Buch steht über dem Grundgesetz. Damit meine ich, dass der Rechtsstaat, also seine Vertreter*innen und seine Verfahren, in Konfliktfällen uneingeschränkte Autorität genießen.

Natürlich sind wir auch auf das Kopftuch zu sprechen gekommen, schließlich ist es wie keine andere Facette muslimischen Lebens zum Symbol heftiger Diskussionen geworden. Hier ist klar: Entscheidungsfreiheit für Frauen gilt immer. Erwachsene Frauen entscheiden selber, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht. Auch Frauen, die im öffentlichen Dienst tätig sind (also z.B. Lehrerinnen) muss diese Freiheit gewährt werden. Einen Kopftuchzwang bei kleinen Mädchen darf es dagegen nicht geben. Auch wenn wir in Deutschland kein laizistisches System haben, ist Religion eine Sache der privaten Sphäre, denn sie ist Gegenstand des individuellen Bekenntnisses.

Zu guter Letzt müssen wir falschen Gegensätzen widerstehen, die von einigen Stimmen leider unentwegt bemüht werden, um sich durch krude Polarisierung einen politischen Vorteil zu verschaffen: Wenn wir über muslimisches Leben in Deutschland sprechen, dann geht es nicht darum, wie Muslime und Deutsche zusammenleben – die Mehrheit der muslimischen Gläubigen in unserem Land sind Deutsche und sie verstehen sich als Deutsche. Es geht also um ein gelingendes Miteinander von Menschen, deren Identität viele Facetten und Schattierungen kennt und die das Interesse an einem friedlichen und freiheitlichen Leben teilen.