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Unsere europäische Gesellschaft basiert auf Diversität

A new narrativeBei unserem Runden Tisch “Searching for a new narrative- ways out of radicalisation” haben wir gemeinsam mit Stakeholdern aus Kultur, Bildung und der Zivilgesellschaft folgende Fragen diskutiert: was können demokratische Gesellschaften gegen die Radikalisierung von  jungen Leuten tun ? Welche Programme und best practises existieren bereits, die junge Menschen davon abbringen, sich einem gewalttätigem Extremismus anzuschließen? Wie könnte eine Koordinierung von best practises auf europäischer Ebene aussehen? Wie erreichen wir junge Leute am besten und wer sind die geeigneten Mediatoren? Lehrer, Künstler oder Studenten-Organisationen?  Mit Ausschnitten aus dem Film „Djihadisten im Visier – Djihad, les contre-feux“ wurde die Diskussion eingeleitet. Der Film zeigt, wie in Frankreich nach den verheerenden Terroranschlägen in Paris nach Antworten auf die islamistische Radikalisierung gesucht wird. Die Filmemacher wollen einen Beitrag dazu leisen, dass junge Franzosen sich nicht dem IS anschließen.

Lurdes Vidal von der Universität Barcelona nähert sich der Frage der Verhinderung von Radikalisierung aus der akademischen  Sicht:  in ihrer Analyse kommt sie zu dem Schluss, dass es keine einfache Lösung für dieses komplexe Problem geben kann. Zentral ist dabei, dass nicht die Religion im Fokus der Ursachenforschung stehen darf, sondern die Diskriminierung und Stigmatisierung von Muslimen in unseren europäischen Gesellschaften, die oft für Frustration und für das Gefühl der Ablehnung verantwortlich sind, die schließlich auch zu Radikalisierung führen kann. Statt auf der staatlichen Ebene immer mehr auf die Überwachung und polizeiliche Kontrolle zu setzen, müsste es viel mehr Raum für Dialog und Austausch geben.

Die beiden Vertreter des Projektes „Dialog macht Schule“, Hassan Asfour und Siamak Ahmadi, setzen mit ihrem Beitrag genau dort an: das Projekt setzt sich für eine Demokratie ein, in der alle gesellschaftlichen Gruppen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und trotz unterschiedlicher Ausgangvoraussetzungen – Gesellschaft und Politik mitgestalten können. Ziel ist es, Jugendliche an Schulen in sozial schwieriger Lage in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, demokratischer Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Partizipation zu unterstützen. Die Schülerinnen und Schüler werden über 2 Jahre in wöchentlich Dialogsitzungen von Dialogmoderatoren begleitet. Ausgangspunkt dabei sind immer die Lebenswelt und die Interessen der Jugendlichen. Religion spielt hierbei keine zentrale Rolle, vielmehr konzentrieren sich die Auseinandersetzungen der Jugendlichen um die Thematik Identität und Gerechtigkeit. Hierfür wird den Jugendlichen Raum für Dialog, aber auch für konkrete Erfahrungen gegeben, wie zum Beispiel bei der eigenen Produktion von Kurzfilmen, mit denen sie ihre Themen darstellen können und kreativ wenden.. Das Projekt sieht sich weniger als Präventionsprojekt, sondern vielmehr als Projekt der „civic education“.

Foto 2Daran knüpft auch die Künstlerin und Vertreterin des Programmes MUS-E, Patries Wichers an. Beindruckend schildert sie, wie ihre künstlerischen Projekte an Grundschulen, jungen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit geben, ihre Gefühlswelt zum Ausdruck zu bringen. Sie können auf diesem Wege Erfahrungen und Eindrücke verarbeiten und helfen,  auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Dieser künstlerische Ansatz an Schulen ist ein wichtiger Ansatz in einer inklusiven  Gesellschaf und spiegelt wider, welche Rolle die non – formale Bildung spielt.

Auch Malika Saissi von der NGO Caleidoscoop in Molenbeek, Brüssel, betont die Bedeutung der non-formalen Bildung. Gerade außerhalb der Schulen müssen Jugendliche betreut werden, sie müssen eine Anlaufstelle finden, wo sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können. Eine Politik , die sich der Kriegs- Terminologie verschreibt, wie es nach den Terroranschlägen in Brüssel als Reaktion der Fall war, ist weniger hilfreich. Sie führe nur zu mehr Stigmatisierung und Diskriminierung von Muslimen auch in der dritten Generation.

Auch Hamadi, ein Künstler und Schriftsteller aus Brüssel, schließt sich dieser Analyse an. Die Stigmatisierung entstünde schon dabei, dass alle Migranten-Gruppen in einen Topf geworfen würden, indem man sie alle als Muslime subsumieren würde und damit keinen Blick für ihre vielfältigen Herkunftssituationen hätte. Diese Diskriminierung müsse  bekämpft werden. Hamadi betont aber auch, dass er  einen europäischen, zeitgenössichen Islam vorantreiben möchte, der auch die   Gleichbehandlung von Frauen zum Ziel hat.. Einig sind sich alle Beteiligten, dass viel mehr Raum für Dialog und das Bearbeiten von Konflikten geschaffen werden muss, um kontroverse Fragen und Interpretationen des Islam diskutieren zu können.

Die Vertreterin der EU Kommssion, Alexandra Antoniadis stellt ausführlich dar, was die Kommission  zu diesem Thema  unternimmt. Zentral sind dabei die „Rund Centres of Excellence“, die  sich auf das „Emporwerment“ von Jugendlichen konzentrieren. Die Kommission bietet eine Plattform an, auf der sich best practice und gute Ideen der Arbeit mit Jugendlichen austauschen lassen.

Nach diesem sehr interessanten und intensiven Runden Tisch steht fest, dass es einen multidimensionalen Ansatz geben muss, um junge Leute vor einer Radikalisierung zu schützen. Zentral ist, dass die europäischen Gesellschaften wirklich akzeptieren, dass wir Einwanderungsgesellschaften geworden sind, dass Vielfalt uns auszeichnet, dass ein Sinn der wirklichen Zusammengehörigkeit entwickelt werden muss und dass nicht immer wieder von „uns“ und „denen“ gesprochen werden darf. Schulen und Jugendeinrichtungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Projekte, die vor Ort mit Jugendlichen arbeiten, muessen das kontinuierlich tun können. Konsensfindung und Aushandlunsgprozesse in den Gesellschaften der Vielfalt brauchen Zeit, personelle und finanzielle Kontinuität. Das wäre ein Beitrag gegen Stigmatisierung und damit ein Beitrag zur Prävention von Radikalisierung.