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Kultur und Medien

Europa hat viele Seelen

Eine progressive europäische Kulturpolitik drängt nicht auf Leitkultur, sondern auf Verfassung und kulturelle Vielfalt.

Von Helga Trüpel

Die Europäische Union braucht eine Kulturpolitik, die einen emphatischen Begriff von der konstitutionellen Grundlage der Europäischen Union hat und die zweitens Kultur immer im Plural denkt. Europa hat nicht nur eine Seele, wie eine große Kulturtagung mit dem Titel „Europa braucht eine Seele“ vor kurzem in Berlin behauptete, sondern Europa hat viele Seelen.

Aber wer und was kann die Antwort auf diese Frage geben, was die Europäische Union im Innersten zusammenhält? Die Ökonomie alleine hält Europa nicht zusammen, aber die Kultur oder die eine Seele auch nicht.

Europa als Politische Union der Staaten und der Bürgerinnen und Bürger konstituiert und findet sich gerade im Prozess der politischen Gestaltung. Dieses Sich-Bekennen zur Europäischen Union ist ein freier politischer Wille, geboren aus der Überzeugung, es mit dem rationalen politischen Projekt Europa zu tun zu haben. Geteilt werden seine Verfassungsgrundsätze wie Gewaltenteilung, Gleichstellung der Geschlechter, klare rechtsstaatliche Prinzipien, Minderheitenschutz, Trennung von Staat und Kirche und Vorrang der Menschenrechte.

Die Europäische Union braucht eine Kulturpolitik, damit sich die real existierende europäische kulturelle Vielfalt richtig entfalten kann. Eine europäische Kulturpolitik, für die ich eintrete und die nicht in Konkurrenz zu den nationalen Kulturpolitiken oder den föderalen Verantwortlichkeiten steht, sondern die sich um die Förderung des europäischen Dialogs und Austauschs kümmert, braucht das gemeinsame politische Fundament. Es handelt sich um eine klare politische Entscheidung, wer zur Europäischen Union gehören kann und will.

Konservative Denker und Politiker machen gerade an der Frage der Entscheidung über die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei fest, dass die Türkei aus religiösen und kulturellen Gründen nicht zu Europa gehört und nicht gehören soll, weil dem Islam eine Selbstaufklärung fehlt. Sicher ist richtig, dass der Islam bisher weniger demokratiefähig war als christlich geprägte Länder, aber auch das Christentum ist nicht per se Garant für Demokratie und schützt auch nicht per se vor dem Rückfall in totalitäres Denken, wie Faschismus und Nationalsozialismus gezeigt haben. Die Herausforderung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei in den nächsten Jahren liegt darin, dass die Türkei es schafft, sich weiter zu demokratisieren und einen selbstreflexiven Euro-Islam zu entwickeln – und ob Europa dabei eine unterstützende Rolle spielt.

Wir stehen vor der Herausforderung, uns als Einwanderungskontinent zu begreifen und ausgehend vom europäischen Verfassungsvertrag ein Kontinent der kulturellen Vielfalt, der Menschenrechte, der religiösen Koexistenz und der Freiheit der Nichtgläubigen zu sein. Die Grundlagen dafür haben wir: im gemeinsamen kulturellen Hintergrund der europäischen Geistesgeschichte, in der Aufklärung, im christlichen und humanistischen Erbe, in der Koexistenz der Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum. Können wir uns eine schönere Zukunft für Europa denken, als ein Europa mit einer geteilten Verfassung und kultureller Vielfalt? Ein Europa, das sich so versteht, drängt nicht auf Leitkultur, sondern auf Verfassung und kulturelle Vielfalt, es beansprucht nicht eine europäische Seele, sondern viele Seelen. Europas Leitspruch wäre dann: we agree, that we disagree.

Um den kulturellen Austausch, diese Verständigung der verschiedensten Kulturen möglich zu machen, brauchen wir nicht sieben Cent pro Unionsbürger, sondern 70. Diese Summe, 345 Millionen statt 35 Millionen Euro, würde uns dann in die Lage versetzen, endlich eine europäische Kulturpolitik zu machen, die diesen Namen zu recht trägt.

Dr. Helga Trüpel MdEP ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Jugend, Bildung, Medien und Sport im Europäischen Parlament.